Tschernobyl: Ausflug in die Todeszone

Tschernobyl: Ausflug in die Todeszone

Zugegeben, der Titel des Beitrages ist etwas reißerisch, aber seit Kindheitszeiten hat mich die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl schon fasziniert, wobei fasziniert bei einer der größten Umweltkatastrophen wohl das falsche Wort ist. Vielmehr hat mich die Geschichte hinter dem größten nuklearen Super-GAU in ihren Bann gezogen und ich habe Tschernobyl-Dokus im Fernsehen „gesuchtet“.

2009 habe ich regelmäßig de Podcast von Johannes gehört, der für SIEMENS in Kiew lebte und von dort aus eine Tour in die Sperrzone nach Tschernobyl gemacht hatte. 2009 war die Ukraine für mich aber noch ein verruchtes Land und ich glaubte nicht, dort jemals hin zu kommen.

Zehn Jahre später war das ganze dann aber ganz anders, meine Reiseleidenschaft hat sich entwickelt, der Euromaidan-Konflinkt war gerade zu Ende und mit Julien hatte ich einen Reisepartner gefunden, der bei einer Aktion wie einen Ausflug nach Prypjat mitmachen würde.

Nachdem wir schon einige Tage vorher in Kiew waren, die rechtlichen Formalitäten um überhaupt nach Tschernobyl zu kommen hatte im Vorfeld eine Agentur für uns erledigt, wurde wir um 6 Uhr morgens vor dem Dnipro-Hotel am Maidan-Square abgeholt.

In gut anderthalb Stunden ging es dann durchs ukrainische Hinterland in Richtung Tschernobyl, bis wir die Grenze der Sperrzone erreichten.

Nach der Reaktorkatastrophe wurden um den havarierten Reaktorblock IV 2 Sperrzonen eingerichtet. Eine ca. 10km um den Reaktor, welche extrem radioaktiv belastet ist und eine ca. 30km um den Reaktor, welche auch noch sehr stark verstrahlt ist. Und am Kontrollposten der 30km Zone standen wir jetzt und warteten auf die Einlasskontrolle durch die ukrainischen Militärs.

Erster Stop in der 30km Zone war das Monument des dritten Engels von Anatoly Haidamaka. Dieser Engel der eine Trompete spielt, soll an eine Offenbarung von Johannes aus der Bibel erinnern. Denn dort heist es „Und der dritte Engel blies seine Posaune; und es fiel ein großer Stern vom Himmel. Und der Name des Sterns heißt Wermut.“ Und da Tschernobyl aus dem ukrainischen übersetzt so viel wie Wermut bedeutet und den Zerfall der Sowjetunion, dem Land mit dem Stern mit beschleunigt hat glaubt man dort bis heute noch, dass die Katastrophe von Tschernobyl bereits in der Bibel prophezeit wurde. Dazu passt auch die Aussage Michail Gorbatschows: „Tschernobyl war der Anfang vom Ende der Sowjetunion“.

Direkt hinter dem Engel befinden sich die Ortsschilder der rund 200 Ortschaften mit ihren ca. 350.000 Einwohnern, die unmittelbar nach der Havarie evakuiert werden mussten. Heute leben noch ca. 500 Personen die entweder nicht gehen wollten oder später zurück kamen ständig in der Sperrzone.

Weiter ging es zur DUGA-1 (oft auch als DUGA-3 bezeichnet). Wieder hieß es Reisepässe und Genehmigungen vorzeigen, ehe wir das Gelände der im Westen unter den Namen Woodpeaker genannten ehemaligen Radaranlage betreten durften.

Getarnt als Jugendferienheim betrieben die Sowjets hier die zu diesem Zeitpunkt reichweitenstärkste „Over the Horizion“ Radaranlage der Welt mit einer Reichweite von über 9000 Kilometern. Wenn in den USA eine Rakete abgefeuert wurde, wusste die Führung in Moskau schon wenige Sekunde später Bescheid. Da die Radaranlage so Leistungsstark war, störte sie häufig den Radioempfang in Europa, das Störgeräusch klang wie ein Spechtklopfen, woher der Name Woodpeaker kam.

Über die DUGA habe ich schon viel gelesen und die Anlage in vielen Dokumentationen gesehen. Jetzt aber direkt davor zu stehen, war schon mehr als beeindruckend. Die Anlage ist einfach riesig und ich weiß nicht, wie ich das mit Worten beschreiben soll.

Bis jetzt war die radioaktive Belastung noch sehr niedrig, kaum höher als z.B. im Erzgebirge.

Als nächstes Stand das Liquidatorendenkmal auf der Liste. Die ersten Personen die nach der Katastrophe am Reaktor gearbeitet haben waren Feuerwehrleute und Soldaten die auf dem Dach des explodierten Reaktor Schutt entfernen mussten. Jene, wie die Inschrift auf dem Denkmal sagt „Die Welt gerettet haben“.

Wenige Meter weiter standen die Überreste der Räumfahrzeuge, Kräne und Planierraupen, welche für die ersten Räumarbeiten und den Bau des ersten Sarkophages genutzt wurden. Die Radioaktivität war hier zwar schon leicht erhöht, jedoch nicht mit dem zu vergleichen, was gleich auf uns zukommen sollte.

Wir näherten uns nämlich den havarierten Reaktorblock IV.
In ca. 1,5km Entfernung erschien am Horizont die silbern glänzende Kuppel des neuen Sarkophag und mit jedem Meter den wir uns diesem näherten, stieg auch die radioaktive Strahlung.

Den Höhepunkt erreichte die Strahlung, als wir unmittelbar vor dem Sarkophag standen. Eigentlich Wahnsinn, wie nah wir an den Unglücksort gelassen wurden, schließlich war die radioaktive Belastung dort extrem hoch. Man riecht es nicht, man schmeckt es nicht, man spürt es nicht, aber es bringt dich ganz sicher um, wenn du dich dort zu lange aufhältst.

Ich war deshalb auch nicht böse darüber, dass wir nach wenigen Minuten das Zentrum des Unglücks wieder verließen um zum Mittagessen in die Werkskantine des Kraftwerkes zu fahren.

Zu Essen gab es irgend ein nicht näher definierbares Fleisch mit einer wässrigen Sauce und Kartoffeln. Dazu irgend ein Getränk was wohl nur aus Wasser und Zucker bestand. Anfangs hatte ich etwas Skrupel, dort in der Kantine überhaupt etwas zu essen, später dachte ich mir aber, dass wenn das Essen irgendwo in der Ukraine auf Strahlung überprüft wird, dann wahrscheinlich hier.

Nach dem Essen ging es dann zum eigentlichen Highlight der Tour, der verlassenen Stadt Pripyat. Eigentlich wollten wir nur schnell ein Foto am Ortsschild machen, direkt daneben war jedoch ein „Hotspot“ und da wollten die anderen lieber neue Höchstwerte auf ihren Geigerzählern einfangen.

In Prypjat selbst konnten wir dann neben den ehemaligen Einkaufszentrum das verlassene Stadtion, das Schwimmbad, die Schule, das Postamt und das Krankenhaus besichtigen. Und natürlich, darf ja auf keiner Tour durch Pripyat fehlen, der Rummelplatz. Eigentlich sollte dieser am 1. Mai 1986, wenige Tage nach dem Super-GAU eröffnen, wozu es dann nicht mehr kam.

In den 30 Jahren seit dem Super-GAU wurden mehrere Dekontaminationsmaßnahmen durchgeführt um die Strahlenbelastung zu reduzieren. Auf Straßen, Plätze und Gebäude iast die Strahlenbelastung kaum höher als z.B. im Erzgebirge. In Flora und Fauna jedoch werden die radioaktiven Isotope gespeichert, deshalb sind Moose, Flechten und der Wald auch noch extrem stark belastet und dürfen nicht betreten werden.
Insgesamt haben wir an dem Tag in der Sperrzone ungefähr die selbe Strahlendosis abbekommen, die man auf einem Flug von Frankfurt nach Mallorca abbekommen würde.

Mit Einbruch der Dunkelheit beendeten wir unsere Tour durch die „Sperrzone“ und machten uns zurück auf dem Weg nach Kiew. Beim Verlassen wurden ein letztes mal die Pässe kontrolliert, das Auto wurde mit Messsonden auf Radioaktivität untersucht und wir mussten durch Personenscanner gehen, an denen geprüft wurde, ob wir radioaktive Partikel an uns hatten.

Zwei Stunden später waren wir wieder in Kiew und ließen das Erlebte und die Eindrücke nach einer ausgiebigen Dusche erst einmal sacken.

Ein Gedanke zu „Tschernobyl: Ausflug in die Todeszone

  1. Eindrucksvoller Bericht.

    Es gibt ernsthaft Leute, die möglichst hohe Ausschläge auf dem Geigerzähler sammeln?

    Und da sagen die Leute, geocaching wäre ein verrücktes Hobby…

    Gruß aus Kassel, Elli

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