Canoe Yukon – Zwischen Wildniss und Zivilisation
Teil 1 von 3
Manchmal gibt es diesen Moment, in dem die nächste verrückte Reiseidee entsteht. Dieser Moment war eine Kanufahrt mit der Feuerwehr auf der Saale. Denn was auf der Saale geht, geht mit etwas mehr Abenteuer sicherlich auch auf dem Yukon in Kanada.
Lara war von der Idee sofort angefixt und wäre am liebsten letztes Jahr im Herbst schon los. Die Kanuverleiher in Whitehorse hätten dafür prinzipiell auch grünes Licht gegeben, die Klimatabelle hatte mich aber abgeschreckt. Da klang August dieses Jahr doch deutlich besser.
Und irgendwann gibt es den zweiten Moment, den Moment, in dem man realisiert, dass man es jetzt wirklich durchzieht. Dieser war für mich nach einem viel zu langen Flug und einer viel zu kurzen Nacht, wenige Meter vom Bootsverleiher in Whitehorse/Kanada entfernt, als wir zum ersten Mal auf den Yukon blickten und uns dachten: „Scheiße, der ist groß! Und verdammt fließt der schnell!“.


Doch es sollte noch nicht direkt losgehen. Wir mussten zunächst einmal Lebensmittel und noch etwas Ausrüstung einkaufen. Dafür hatten wir beim Kanuverleiher ein 60-Liter-Fass gemietet, in dem wir unsere Lebensmittel wasserdicht und einigermaßen bärensicher verstauen konnten.
Zwar gibt es in Whitehorse einen WALMART und aus den USA kennt man ja WALMART als Superstore, in dem man alles bekommt, hier war es jedoch ein absoluter Flop! WALMART hat hier so gut wie keine Lebensmittel. Bei Real Canadian Superstore wurden wir letztendlich jedoch fündig und konnten uns mit ausreichend Lebensmitteln für 8 Tage eindecken.
Im örtlichen Outdoorladen wurden wir dann auch noch beim Campinggas und Bärenspray fündig, dem Abenteuer sollte also nichts mehr im Weg stehen.

Am nächsten Morgen stärkten wir uns ein letztes Mal bei einem vorzüglichen Frühstück, ehe wir um 11 Uhr nach einer Stunde Warten beim Kanuverleiher unser Boot in Empfang nehmen konnten.
Vor uns lag das stahlblaue Band des Yukon, das sich unerbittlich durch die Nadelwälder des hohen kanadischen Nordens zog. Das Thermometer zeigte knappe 16 °C und die Sonne brannte mit erstaunlicher Kraft vom Himmel. Leichte Nervosität machte sich breit, während wir versuchten, das Kanu, mit unseren Reisetaschen und der Tonne, halbwegs ausbalanciert zu beladen. Perfekte Voraussetzung für den Aufbruch.


Unsere ersten Paddelschläge sahen allerdings noch alles andere als elegant aus. Ebenso unsere Steuerkünste, die eher einer Schlangenlinie als dem Flussverlauf folgten. Doch in Whitehorse verzeiht der Yukon Fehler noch großzügig, das sollte sich später teilweise ändern.


An den Ufern zogen vereinzelt Holzhütten, Tipis oder idyllisch angedockte Wasserflugzeuge vorbei. Ab und zu überholten uns vier andere Boote mit Halbtagestouristen, die kurz vor dem Lake Laberge an der Takhini River Bridge ausstiegen – dem letzten Ausläufer der Zivilisation. Am Nachmittag zog sich der Himmel zusehends zu und das helle Blau wich einem steinernen Grau, sodass wir nach exakt 30,5 Flusskilometern unser erstes Camp am Ufer sichteten.
Das Camp war ziemlich gut ausgestattet. Neben einer kleinen Feuerstelle und einem Plumpsklo gab es mehrere Bänke mit Tischen und einige Zeltflächen. Erst erkundeten wir das Gelände, dann begann die zukünftige Routine. Zelt (und Tarp) aufbauen, trockenes Feuerholz suchen, Feuer machen, Abendessen zubereiten.



Eigentlich hatte ich erwartet, dass wir uns mit einfachen Gerichten durch die kommenden 8 Tage quälen werden, da hatte ich meinen Plan aber nicht mit Laras Verpflegungsplanung gemacht. So gab es für heute nämlich eine Kartoffel-Tomaten-Paprika-Pfanne mit Bratwurst für mich und Räuchertofu für Lara und als Nachspeise gegrillte Schoko-Bananen.




Die Nacht hätte dann eigentlich ganz gemütlich sein können, hätte ich nicht als Leibwächter und Bärenpatrouille für Lara, die mitten in der Nacht kurz aus dem Zelt musste, fungieren müssen.
Am Morgen schälten wir uns dann doch recht erholt aus den Schlafsäcken und genossen Bagels mit Hummus und Rührei als Frühstück. Besser als zu Hause.
Während wir um 9 Uhr lospaddelten, hingen dunkle Wolken tief über den Bergkuppen. Der Fluss, der mittlerweile in den See „Lake Laberge“ übergegangen war, hatte leider keine Strömung mehr.
Nach nicht einmal 10 Kilometern auf dem See zwangen uns peitschender Wind und gefährlich hohe Wellen zunächst einmal zu einer Pause am Ufer. Wir waren innerhalb kürzester Zeit komplett durchgefroren, obwohl wir das Zwiebelprinzip mit Mütze, Regenhose, dicken Socken und Sherpa-Fleece über Langarmshirt und winddichter Regenhose auf die Spitze getrieben haben. Dennoch ließen wir uns unsere Wraps mit Hummus und Gemüse schmecken.




Nach einiger Zeit, der Wind hatte etwas nachgelassen, wagten wir mit durchgefrorenen Knochen eine Weiterfahrt. Ein potenzieller Zeltplatz nach 22 Kilometern erwies sich angesichts der verbleibenden Tageszeit und der bisher kurzen Strecke als zu früh. Der nächste Zeltplatz in einer malerischen Bucht wirkte zunächst traumhaft und windgeschützt, erwies sich nach genauerer Betrachtung aber als ein Wimmelbild des Grauens. Durch die Windstille war alles voll mit Stechmücken und stellenweise war der Boden sehr aufgewühlt, was uns unsicher erscheinen ließ, ob das nun von Bären, Elchen oder anderem Getier stammte.


Im Nachhinein hätten wir diesen Platz wohl besser nehmen sollen, denn nun war schlicht nichts mehr an geeigneten Lagerstellen zu finden. Der Wind wurde wieder ungemütlich und die Fahrt entlang der Klippen nicht nur körperlich anstrengend. Erst nach stundenlanger, kräftezehrender Lagerplatzsuche legten wir um 17 Uhr mit 30 Flusskilometern in 6,5 Stunden reiner Fahrzeit endlich an.
Der Platz war nicht ideal, die Feuer- und damit die Kochstelle lag nur 10 Meter vom Zelt entfernt. Für Bären ein direkter Schnitt von der Hauptspeise zur Nachspeise. Er bot aber ausreichend Schwemmholz für ein Lagerfeuer und eine tolle Aussicht über den endlos erscheinenden See, der sich nun wieder von seiner besseren Seite zeigte.






Um 4 Uhr nachts war an Schlaf nicht mehr zu denken. Vom See her war bedrohliches Getöse hoher Wellen zu hören. Kurz kam Panik in mir auf. Das Kanu lag am Ufer, direkt daneben die Lebensmitteltonne. Zwar beide angebunden, aber was, wenn die Wellen das Kanu, die Paddel oder die Lebensmitteltonne wegreißen? In einer hastigen Aktion checkten wir schnell die Sicherungen im eisigen Wind, ehe wir zurück in die Schlafsäcke flüchteten.
Das Frühstück fiel kurz aus. Bagel, Hummus, Rührei, Käse – macht satt, aber hilft nicht über die Realität hinweg. Leichter Regen, starker Wind, hohe Wellen. Keine gute Kombination, wenn man mit dem Kanu unterwegs ist. Also zurück ins Zelt, gedanklich hatte ich den Tag schon abgeschrieben.
Mittags hörten wir Stimmen. Deutsche Stimmen. Sven und Michi aus Münster, die hier zur Mittagspause angelegt hatten. Die Wellen hatten mittlerweile auch etwas nachgelassen, sodass wir doch noch eine Weiterfahrt wagen wollten.


Die folgenden 14 Kilometer verlangten uns alles ab. Die Wellen arbeiteten pausenlos gegen uns. Am Ufer zogen bunte Spuren aus Entenfedern, Blättern und dichtem Gras vorbei. Alles wirkte extrem ungemütlich und dann waren da auch wieder überall die Klippen, die die Wellen und den Wind zurückwarfen und das Kanu schwer ins Wanken brachten.
Glücklicherweise fanden wir am späten Nachmittag einen traumhaft schönen Campingspot auf einer exponierten Anhöhe und die beiden anderen Deutschen trafen eine gute Stunde später ebenfalls dort ein.




Unter unserem großzügig aufgespannten Tarp sitzend, tranken wir heißen Tee im leichten Nieselregen. Neben dem Kochfeuer entfachten die Jungs noch ein separates Feuer auf einer Klippe für die Gemütlichkeit. Der Duft von Reis mit Kichererbsen und Gemüse lag in der kühlen Abendluft – ein perfekter Ausgleich für diesen ungemütlichen, kräftezehrenden Tag.















