Canoe Yukon – Der letzte Paddelschlag

Canoe Yukon – Der letzte Paddelschlag

Der Tag empfing uns direkt mit prasselndem Dauerregen auf das Hüttendach. Erst am späten Vormittag starteten wir mit mittlerweile durchnässten Schuhen und in unseren Regenklamotten auf den Fluss.

Der gesamte Tag war von eisig kaltem Wind geprägt, der unsere feuchten Füße schnell in gefühllose Eisklötze verwandelte. Doch die Wildnis entschädigte uns reichlich. Biber kreuzten unseren Weg, Fische sprangen vor unserem Boot und ein kleiner blauer, neugieriger Vogel folgte uns über mehrere Kilometer. Für Lara ein Pocahontas-Moment. Und dann war da auch noch ein Luchs, der seelenruhig am Ufer saß und genauso wie wir die ersten Sonnenstrahlen genoss, die sich so langsam durch die Wohlkendecke bahnten,

Zwar war die Natur atemberaubend schön, am Ufer zeigten sich allerdings keine wirklich gefälligen Anlegestellen und so blieb uns nichts anderes übrig, als die 38 Flusskilometer bis zu unserem Etappenziel an den Twin Creeks durchzupaddeln. Die Stimmung war auf dieser Etappe mindestens so frostig wie unsere Füße, denn der Hunger machte sich breit.

Am Camp, das wir für die Twin Creeks gehalten hatten, angelegt, waren wir direkt fasziniert. Eine schöne Feuerstelle, übersichtliche Zeltplätze und ein toller Blick auf den Yukon. Allerdings sollte der Zeltplatz laut unserer Karte noch einige hundert Meter flussabwärts sein. Passenderweise entdeckten wir auch einen Trampelpfad in die richtige Richtung.

An den eigentlichen Koordinaten angekommen, entdeckten wir das auf der Karte eingezeichnete Camp. Das hatte uns aber nicht so wirklich zugesagt, keine schönen Spots zum Zeltaufstellen, eine Feuerstelle an doofer Stelle und auch nicht schön zum Anlegen. Also entschieden wir uns, an unserem ersten Camp zu bleiben und uns erst einmal mit einer heißen Tomatensuppe aufzuwärmen. Abends gab es dann noch ein richtiges Essen und wir trockneten unsere nassen Schuhe am Feuer.

Um kurz nach 7 Uhr kündigte ein Pfirsich-Sahne-Porridge mit Cranberrys den Beginn unseres siebten Tages auf dem Fluss an und kurz vor 9 Uhr stachen wir in die Strömung.

Wie sich herausstellte, waren wir nicht wie erwartet alleine weit und breit – die Gruppe Japaner hatte einen Zeltplatz, direkt neben dem, den wir am Tag zuvor ausgeschlagen hatten, für sich beansprucht.

Bei einer frühen Pause im mehr oder weniger verlassenen Indianerdorf Little Salmon Village, weniger verlassen, weil dort einige Hütten so wirkten, als seien sie zumindest zeitweise bewohnt, erkundeten wir die historischen Holzhütten. Doch die Ankunft für Lara war schmerzhaft. Beim Aus-dem-Wasser-Ziehen rammte ich das Kanu so unglücklich in Laras Waden, dass sie auf die Knie fiel, die augenblicklich blau anliefen und ihr noch wochenlang Probleme machen sollten.

In Little Salmon City findet man die faszinierenden Spuren der First Nations und der späten Goldgräberzeit. Direkt am Ufer stehen gut erhaltene und teilweise verfallene rustikale Blockhütten, die früher von den Angehörigen der Little Salmon/Carmacks First Nation genutzt wurden. Zwischen den zugewachsenen Pfaden findet man zudem altes, rostiges Werkzeug, verlassene Trockengestelle für Lachs und Überreste von alten Lagerplätzen, die diesem ruhigen Ort am Fluss eine ganz merkwürdige Atmosphäre verleihen. Für viele Flussreisende endet das Abenteuer hier, da man das Dorf über einen mehrere Kilometer langen Waldweg mit einem Geländewagen vom Campbell Highway erreichen kann.

Für uns sollte die Reise allerdings weitergehen.

Der Wind wurde gegen Mittag wieder heftiger und die Fahrt wurde sehr ungemütlich. Wir wollten auf der linken Uferseite die nächsten Kilometer bezwingen, da diese augenscheinlich windgeschützter war, doch eben dieser Wind hatte anderes mit uns vor. Erst nach mehreren Versuchen gelang es uns, die Flussseite zu wechseln, auf der es sich tatsächlich leichter fahren ließ.

Am späten Nachmittag erreichten wir unser letztes Camp am Macauley Bar. Ein wahrhaft schöner Spot mit majestätischem Panoramablick über das schimmernde Wasser des Yukon.

Ein letztes Abendessen in der Wildnis, Lara kredenzte ein köstliches Curry mit Nudeln, Kichererbsen, Möhren, Zwiebeln und Kokosmilch. Am prasselnden Lagerfeuer fanden unsere Handys dann auch noch völlig überraschend 2 Balken Empfang. Ein seltsames Gefühl der sich nähernden Zivilisation.

Die Nacht war bitterlich kalt und so wundert es nicht, dass wir recht zeitig frühstückten und uns auf den Weg machten. Die letzte Etappe fühlte sich von Anfang an anders an. Lag es daran, dass wir realisierten, dass wir bald zurück in der Zivilisation sind? Ich weiß es nicht.

Der Fluss zog sich weiter träge durch die Wildnis, doch in meinem Kopf lief bereits der Abspann dieser unvergesslichen Tage. Als schließlich die Ausläufer von Carmacks auftauchten und wir das Ufer des Coal Mine Campgrounds ansteuerten, an dem wir abgeholt werden würden, war es ein emotionales Chaos aus Erleichterung, Stolz und ein klein wenig Wehmut. Das erste Mal hatten wir einen richtigen Bootsanleger, das Kanu knirschte also nicht wie dutzende Male zuvor beim über den Kies und die spitzen Steine.

Sämtliche Reisetaschen, Schlafsäcke und Ausrüstungsgegenstände mussten aus dem Kanu und wir breiteten uns erst einmal auf den hölzernen Picknickbänken aus. Es folgte das Leeren der Essenstonne mit überraschend viel übrig gebliebenem Proviant. Gerade bei den Snacks haben wir lange nicht so zugegriffen wie eingekauft.

Knappe drei Stunden warteten wir am Campground auf unser Pick-up-Taxi zurück in die Zivilisation. Drei Stunden, in denen wir mit breitem Grinsen im Gesicht am Ufer saßen, den Blick zurück auf das rauschende Band des Yukon richteten und realisierten, was hinter uns lag: Sieben Tage, Hunderte Kilometer, Eiseskälte, reißende Stromschnellen, knietiefer Schlick und das vielleicht größte Abenteuer unseres Lebens.

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