Canoe Yukon – Wenn der Fluss aus Abenteuer Ernst macht!

Canoe Yukon – Wenn der Fluss aus Abenteuer Ernst macht!

Der vierte Tag forderte absolute Höchstleistung von uns. Durch das schlechte Wetter am Vortag und am Tag zuvor lagen wir deutlich hinter unserer Etappenplanung. Eigentlich hätten wir heute schon am Ende des Sees starten wollen, das lag aber noch viele Kilometer vor uns.

Aber auch diese Kilometer waren nach einigen Stunden geschafft, sodass wir pünktlich zur Mittagspause an der verlassenen Goldgräber-Ortschaft Lower Laberge ankamen. Neben verlassenen Holzhütten und LKW-Wracks aus der Goldgräberzeit wäre das auch ein hervorragender Zeltplatz gewesen. Direkt am Ufer lagen die Überreste des Wracks der Goddard, einem der vielen Schiffe, die zur Zeit der Goldgräber zwischen Whitehorse und Dawson City gesunken oder auf Grund gelaufen waren. Häufig lassen sich Kanu-Reisende auch mit dem Wasserflugzeug von Whitehorse bis hierhin fliegen, um sich die 2 See-Etappen zu sparen, aber wir wollten ja die echte Tour erleben.

Kaum hatten wir den See hinter uns gelassen, veränderte der Fluss sein Gesicht komplett. Wir bogen direkt ein in die legendäre Thirty Mile Sektion. Jenem als Kulturerbe geschützten Flussabschnitt, auf dem der Yukon seine volle Kraft entfaltet. Die Strömung war sehr schnell und teilweise unberechenbar. Die Landschaft um uns herum veränderte sich hier ständig und war wie eine Reportage über die schönsten Naturaufnahmen Nordamerikas. Teilweise ein tiefes Tal, gesäumt von schroffen Canyons oder lehmigen Felswänden. Von Fichten, die sich in die Felswände klammerten und von dichten Nadelwäldern. Allerdings auch von den Überresten von Waldbränden, die in Kanada allgegenwärtig sind.

Waldbrände gehören in Kanada sowohl zum Alltag als auch zum Ökosystem. Die in Kanada zumeist vorkommenden Schwarzfichten und Drehkiefern haben harzumschlossene Zapfen. Durch Feuer und große Hitze schmilzt das Harz, die Zapfen öffnen sich und geben den Samen frei. Auch wenn dieser Prozess seit Tausenden Jahren für die Bewaldung Nordamerikas sorgt, sind Trockenheit und globale Erwärmung infolge des Klimawandels eine extreme Belastung für die Wälder des Yukon, British Columbia und vieler Nationalparks.

Doch Zeit zum Träumen und über die Waldbrände nachzudenken blieb uns vor Ort nicht viel. Die Thirty Mile Sektion ist schmal, verdammt schnell und teilweise unberechenbar. Das Wasser dreht sich stellenweise in tückischen Strudeln oder schob unser Kanu durch Stromschnellen, Wasserkehren rissen mit gewaltiger Kraft an den Paddeln. Jeder Paddelzug erforderte höchste Konzentration und extrem viel Kraft.

An einer besonders gemeinen Engstelle passierte es dann. Die Strömung erfasste unser Heck in einer Stärke, in der ein Gegenpaddeln unmöglich war, drehte das beladene Kanu quer zur Flussrichtung und für einen kurzen Moment dachte ich, das war’s jetzt, jetzt kentern wir! Und so realistisch muss man auch sein: Wenn bei dieser Strömung das Kanu, auf dem das ganze Gepäck festgezurrt ist, kentert, dann war’s das mit unserem Yukon-Abenteuer und wir können den Rettungshubschrauber rufen, um uns rauszuholen. Das Boot kannst du da nicht mehr bergen.

Mit fast schon verzweifelten, hastigen Paddelschlägen konnten wir das Kanu dann aber doch noch herumreißen und wir kamen wohl in der letzten Sekunde mit dem Schrecken davon.

Lara war mit ihren Kräften und wahrscheinlich so wie ich auch mit ihren Nerven am Ende, sodass wir eine ruhige Flusskurve ansteuerten, um unsere Karten zu checken. Nur hundert Meter weiter auf der gegenüberliegenden Flussseite sollte ein Camp sein, an einer Stelle, an der wir auch schon 3 Kanus einer, wie sich später herausstellte, japanischen Reisegruppe erkennen konnten. Dort wollten wir anlegen und übernachten. Aber auch hier hatten wir unseren Plan nicht mit dem Yukon gemacht. Nicht nur die Strömung schob uns mit voller Kraft in die Bucht zurück, auch der Wind war gegen uns. Unter größter Anstrengung kämpften wir uns zurück in die Hauptströmung, nur dass diese uns mit vollem Tempo fast am Camp vorbeigeschoben hätte.

Mit letzter Kraft kämpften wir uns ein paar Meter gegen den Strom zur einzigen geeigneten Anlegestelle und entschieden, dass es für heute reicht. Wenig später steuerte dann ein weiteres Kanu unser Camp an, die beiden Deutschen – der dritte Tag in Folge fühlt sich mittlerweile fast wie eine gemeinsame Reisegruppe an.

Unser Abendessen genossen wir an der Feuerstelle, während über den Wipfeln der Bäume um uns herum Weißkopfseeadler ihre Kreise zogen.

Die Nacht war sternenklar und bitterkalt. Als wir aus unseren Zelten krochen, lag wabernder Nebel über dem Fluss, durch den sich langsam ein atemberaubend schöner Sonnenaufgang brannte.

Gestärkt vom Frühstück machten wir uns auf zur wohl längsten Etappe unserer Tour.

Die Strömung forderte wieder volle Konzentration und einige knifflige Passagen brachten uns erneut nahe an die Kentergrenze.

Nach kurzer Fahrt erreichten wir schließlich Hootalinqua, eine historische Indianersiedlung und ehemalige Telegrafenstation, die verlassen vor uns lag. Doch die historische Vergangenheit wich beim Anlanden blitzartig der knallharten Realität. Kaum hatte Lara einen Fuß an Land gesetzt, versank sie knietief im Schlick. Doch davon ließen wir uns nicht abhalten, das Gelände zu erkunden. Hootalinqua war zur Zeit des Klondike-Goldrauschs und in den Jahrzehnten danach ein zentraler Knotenpunkt für die Schaufelraddampfer. Zwischen dem dichten Gestrüpp stehen bis heute die verwitterten, grauen Blockhütten der alten Telegrafenstation und der Trading Post. Wenn man durch die zugewachsenen Pfade geht, stößt man auf verrostete Maschinenteile, alte Werkzeuge, verfallene Lagerräume. Auf der gegenüberliegenden Hootalinqua Island hätten wir noch das Wrack der S.S. Evelyn erkunden können, die dort seit den 30er Jahren zur Reparatur liegt und immer weiter verfällt, aber irgendwie hatten wir das nicht so wirklich auf dem Schirm und zogen weiter.

Der Yukon wurde, nachdem bei Hootalinqua der Teslin River zugeflossen ist, deutlich ruhiger. Fast schon entspannter. Ein erster Stopp auf einer Sandbank entpuppte sich leider als Ententoilette, eine zweite Kiesbank war letztendlich die bessere Wahl für einen Stopp. Während Lara gerade mit dem Körper im Wasser war, um sich zu waschen, kreuzte die Gruppe Japaner wieder unsere Wege. Perfekter Zeitpunkt 😉

Camps, die zumindest vom Wasser erkennbar waren, fanden wir entweder nicht oder erkannten sie zu spät und waren, als sie zu sehen waren, schon vorbei. So auch mit einem zumindest vom Wasser aus ganz schön wirkenden Camp in einem (vermutlich) verlassenen Dorf mit einigen Hütten, das wir zunächst für Big Salmon Village hielten. Da aber auf der Flusskarte das vermeintliche Dorf mit „Cabin Good Condition – Good Camp“ betitelt war, auf der anderen Flussseite Big Salmon Village LP eingetragen war und das auch zu meinen Erinnerungen aus der Google-Karte passte, legten wir zunächst einmal dort an. Das Anlanden war hier ähnlich trickreich wie schon in Hootalinqua. Wir mussten unser Boot, bis wir am eigentlichen Ufer waren, dutzende Meter durch den zähen Schlick des Niedrigwasser-Yukon zerren.

Im Schlick entdeckten wir erste Elchspuren und hinter einem kleinen Baumwall die Überreste der Stadt der Northern Tutchone Indianer

Zu unserer Freude entdeckten wir dort auch eine recht neu gebaute Schutzhütte, in der wir unser Innenzelt zum schlafen aufbauen konnten. Perfekt, um den Rest des Zeltes zumindest etwas zu trocknen und bärensicher zu schlafen. Ein Luxus, den wir uns nach dem langen Tag mit über 61 Flusskilometern wirklich verdient haben.

Teil 2 von 3 – to be continued

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